Nov 21, 2019

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Abram Poljak, von Ludwig Schneider

Orientierungsplan

Abram Poljak
Ludwig Schneider, [verfasst 1993]

NAI Israel-Jahrbuch 1994 [mit freundlicher Erlaubnis des Autors]

Es könnte sein, dass Abram Poljak eine Biografie über sein Leben und Werk abgelehnt hätte, denn wer ihn kannte, erlebte ihn als bescheidenen Menschen, dem jeder Personenkult zuwider war. In seinen Versammlungen sagte er: "Wenn ihr wegen Poljak kommt, könnt ihr wegbleiben!" Andererseits aber taucht immer wieder der Name Poljak auf, wenn christliche Israelfreundeskreise über ihre Entstehung nachdenken. Die Alten erinnern sich dabei gerne an Abram Poljak, weil er in Sprache, Haltung und Auftrag einem Propheten Israels glich. Anlässlich seines 30. Todesjahres möchten wir der jüngeren Generation etwas über ihn und seine "Botschaft vom Reich" weitergeben. Abram Poljak wurde in Jekaterinoslaw, Russland, geboren. Als achtjähriges Wunderkind spielte er auf seiner Violine dem Zaren vor. Im Alter scherzte er: "Ich war ein Wunderkind. Das Wunder verging, aber das Kind blieb." Als Jugendlicher kam er nach Deutschland und arbeitete später als Journalist und Theaterkritiker. Daher stammt seine Auffassung, dass "die Bibel die Zeitung erklärt und die Zeitung die Bibel deutet." 1933 wurde er von der Gestapo verhaftet. Im Gefängnis bekehrte er sich als Jude zu dem Messias Jesus. Seine politischen Artikel waren biblisch und seine Predigten politisch. Davon zeugen seine Schriften: "Glaube und Politik"; "Hitler als Feldherr und Spiritist" und "Die Weltlage im Lichte des biblisch-propheti schen Wortes". Fragte man ihn, wo er zu Hause sei, antwortete er: "Auf der Eisenbahn! ", denn er war ständig unterwegs auf Vortragsreisen.

1935 wanderte Abram Poljak nach Eretz-Israel ein, das damals noch britisches Palästina-Mandatsland war. Er notierte:

"Als ich im Jahre 1935 auf dem ölberg bei Jerusalem meine Lebensaufgabe erkannte - das judenchristliche Werk - standen wohl Ziele vor meinen Augen, aber nicht der Weg. Dieser wurde mir erst im Laufe der Zeit klar. Im Jahre 1935 gründete ich in Jerusalem die "Judenchristliche Union" mit zwei Freunden, von denen der eine mich bald verliess und der andere starb. Im Jahre 1936 versuchte ich die Union in Wien ins Leben zu rufen. Hier fand ich zwar eine Reihe Anhänger, aber die österreichische Regierung verbot die Gründung.

Zu Beginn des Jahres 1937 fasste das Werk als "Internationale Vereinigung für judenchristliche Siedlung in Palästina" in der Schweiz Fuss. Einige Monate später, im Herbst 1937, bildete sich die erste Gruppe in London unter dem Namen "Judenchristliche Union". In den Jahren 1938 und 1939 breitete sich die Judenchristliche Union in Osteuropa und Amerika aus und vertiefte sich geistig. Nach meiner Internierung im Mai 1940 (in Kanada, wegen zionistischer Tätigkeit in Palästina) brach unsere Siedlung und unser Verlag in England zusammen und die Entwicklung ruhte bis zu meiner Rückkehr nach London im März 1944. Mit dem Beginn der judenchristlichen Gottesdienste in London trat die "Christliche Synagoge" (wie die einen sagen) oder die "Jüdische Kirche" (wie die anderen sagen) in Erscheinung. Wir nannten das Werk "Die Judenchristliche Gemeinde".

Ein Jahr später, im Sommer 1945, wurde die Judenchristliche Gemeinde durch Aufnahme von Heidenchristen erweitert und ferner ein äusserer Kreis geschaffen. Der äussere Kreis wurde "Jerusalem-Gemeinschaft" und das ganze judenchristliche Werk "Jerusalem" genannt. Die Bezeichnung "Judenchristliche Gemeinde" wurde aber nicht fallen gelassen, sondern dem inneren Kreis belassen. Wir haben jetzt also drei Namen: "Jerusalem" - das gesamte Judenchristliche Werk, "Die Judenchristliche Gemeinde" - der innere Kreis des Werkes, "Die Jerusalem-Gemeinschaft" - der äussere Kreis. Der innere Kreis, die "Judenchristliche Gemeinde", hat ihre besondere Aufgabe in Israel und bildet den Kern und die Führerschaft der "Jerusalem-Gemeinschaft". Der äussere Kreis, die "Jerusalem-Gemeinschaft", hat ihre besondere Aufgabe unter den Heidenchristen."

Pfingsten 1947 gründete Abram Poljak in Jerusalem die erste messianische Gemeinde, die anfänglich nur 12 Mitglieder zählte, darunter waren u.a. Baruch Karniel und Moshe Ben-Meir. Baron Albert von Springer leitete die Gemeinde, weil Abram Poljak sich mehr als Botschafter Christi an die Nationen verstand. Poljaks Versuch, alle Judenchristen in Israel zu einer Allianz zusammenzuschliessen, schlug fehl. 1951 verliess Poljak Israel und kam nach Deutschland, um dem deutschen Volk, das sich so an dem jüdi­ schen Volk vergriffen hatte, die "Botschaft vom Reich" zu bringen - eine besondere Gnade Gottes für Deutschland, deren Segensspuren heute noch sichtbar sind.

Unter dem Banner mit dem Kreuz im Judenstern verkündete Abram Poljak in Deutschland seine Botschaft vom Reich. Deutsche, die früher von ihren Mitbürgern, die den gelben Judenstern tragen mussten, abrückten, kamen nun in Scharen, um einen Juden zu hören, der ihnen deutlich aber ohne Rache, liebevoll aber warnend zurief: "Wer Israel segnet, wird gesegnet; wer Israel aber flucht, wird verflucht werden!"

Poljaks erste Grossveranstaltung in Deutschland ("III. Judenchristliche Reichskonferenz") fand am 10. und 11. Januar 1953 in Stuttgart im Zirkus "Althoff" statt. Statt der erwarteten 3000 kamen 5000, obwohl das Zirkuszelt nur 3000 Plätze hatte. Es sprachen neben Abram Poljak Baron Albert von Springer aus Jerusalem, Dr. Agnes Sara Waldstein (Poljaks philologische Mitarbeiterin), Pauline Roos und Abraham Nathan (London), Pierre Diebold (Nancy), Prof. Chasles (Paris), Dr. G. Kahn aus Zürich und Heilsarmee-Brigadier Fritz Brechbühl. Poljaks Botschaft geisselte nicht nur die moderne Theologie, sondern auch die pietistische Tyrannei der Frommen. Er hatte die Gabe, dass sein Wort erbaulich-seelsorgerlich und zugleich prophetisch-aktuell war. Ebenso war auch seine Stellung als Judenchrist zum Volk Israel klar und prophetisch. In seinem Buch "Die Botschaft vom Reich" schreibt er:

Das Zeichen

Bei der Reichsbruderschaft kann man sich nicht "anmelden". Wir sind keine Organisation und führen keine Mitgliederlisten. Wir sind eine Bewegung, die ihren Ursprung in der Ewigkeit hat. Zu ihr gehören nur jene, die vom König selbst berufen worden sind, "auserwählt vor Grundlegung der Welt" (Eph. 1,4). Man kann ihre Glieder darum nicht zusammensuchen und nicht belehren und nicht erziehen, denn "sie werden alle von Gott gelehrt sein" (Joh. 6,45). Sie sind "begabt", sie haben eine innere Schau; sie wissen, um was es geht; sie warten nur auf das Stichwort, auf das Zeichen.

Wir haben das Zeichen, eine Fahne: Das Kreuz im Davidstern. Was bedeutet diese Fahne? Das Kreuz ist das Zeichen Christi, das Zeichen des Königs. Der Davidstern ist das Zeichen Israels, das Zeichen der Juden. Die Verbindung dieser beiden Zeichen, das Kreuz im Davidstern, symbolisiert den wiederkehrenden König der Juden.

Das Kreuz, an das Jesus genagelt wurde, trug eine Tafel: Jesus Naza­ renus Rex Judaeorum (Jesus von Nazareth, König der Juden) -INRI. So ging Jesus auf Golgatha von dieser Welt als Opferlamm. In Herrlichkeit, als König der Juden wird Er wiederkehren.

Auf unserer Fahne haben wir das Zeichen in weiss auf dunkelblauem Grunde. Warum ist unser Fahnentuch dunkelblau? Weil der Nachthimmel diese Farbe hat und weil ein Stern nur in der Nacht scheinen kann. Christus ist der helle Morgenstern (Offb. 22,16), und als König der Juden kehrt er wieder.

Prüfstein

Mit dem hellen Morgenstern werden sich alle Christen einverstanden erklären, aber vom König der Juden wollen die meisten nichts wissen. Darum ist der "König der Juden" der Prüfstein für alle.

Eines der sichersten Zeichen der Gotteskindschaft ist das Verhalten zu den Juden. Das Kreuz im Davidstern ist das Zeichen der christusgläubigen Juden. Es ist darum zum Prüfstein für die Christen geworden. Es hat bereits Spaltungen in Kirchen, Gemeinschaften und Familien herbeigeführt und wird es noch weiter tun bis zum Höchstpunkt. Hier werden sich die Wege scheiden - und "unter diesem Zeichen werden wir siegen".

Am Ende dieser Zeit werden sich nur noch zwei Fahnen gegenüberstehen: die Fahne des Judenkönigs und die Fahne des Antichristen. Und wer sich nicht zur Judenchristlichen Gemeinde und der Reichsbruderschaft, die das Kreuz im Davidstern tragen, bekennt, wird beim Antichristen enden - so wie viele grosse Prediger des Evangeliums mit all ihrem Bibelwissen bei Hitler endeten.

Wir wiederholen: Eines der grossen Zeichen der Gotteskindschaft ist die Liebe zu den Juden, und eines der grossen Zeichen der Teufelskindschaft ist der Judenhass, der Antisemitismus. Wer die Juden hasst, hasst zum Schluss auch das eigene Volk und gibt es dem Verderben preis, wie Hitler bewiesen hat.

Gottes Volk

Wir sagen nicht, dass man die Fehler der Juden lieben soll. Diese dürfen nicht übersehen werden, indessen wird ein wahrer Christ sich durch sie nicht blenden lassen, er wird nicht verallgemeinern; er wird gerecht sein, und wenn er in einem jüdischen Bösewicht ein Kind des Teufels erkennt, wird ihn das nicht hindern, im jüdischen Volk Gottes Volk zu sehen. Der wahre Christ wird nie vergessen, dass "das Heil von den Juden kommt" (Joh. 4,22), dass die Juden den Nationen die Bibel brachten, dass Jesus, die Apostel und die Propheten Juden waren und dass Jesus als König der Juden wiederkom­ men wird und dass Sein Reich sich von Jerusalem aus über die ganze Welt ausbreiten wird. Ein wahrer Christ glaubt den Worten der Propheten:

"Als der Höchste den Nationen das Erbe austeilte, als er voneinander schied die Menschenkinder, da stellte er fest die Grenzen der Völker nach der Zahl der Kinder Israel, denn des HErrn Anteil ist sein Volk ... er behütet es wie seinen Augapfel " (5.Mose 32,8-10).

"In jenen Tagen werden zehn Männer aus allerlei Sprachen der Nationen den Rockzipfel eines jüdischen Mannes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gesehen, dass Gott mit euch ist" (Sach. 8,23). "In jenen Tagen, wenn ich die Gefangenschaft Judas und Jerusalems wenden werde, dann werde ich alle Nationen versammeln und mit ihnen zu Gericht gehen wegen meines Volkes und Erbteils Israels ...und euer Tun werde ich auf euer Haupt zurückfallen lassen" (Joel 3).

Aus den Worten Joels geht klar hervor, dass die Völker von Gott nach ihrem Verhalten gegenüber Israel gerichtet werden. Diese Worte stehen einem Gotteskinde stets vor Augen und erfreuen sein Herz. Auf die Kinder des Teufels aber wirken sie wie ein rotes Tuch. Liebe und Hass kommen nicht aus dem Verstande, sondern aus dem Herzen. A. P.

Das Lexikon für "Religion in Geschichte und Gegenwart" (J.C.B.Mohr, Tübingen) erwähnt Poljaks Werk, bedauert aber, dass "es über die kleinen Anfänge nicht hinausgekommen ist", was in gewisser Hinsicht auch wahr ist und ein Besuch in Poljaks Zentrum in Möttlingen belegt.

Mein Besuch in Möttlingen

Von Stuttgart aus über Malmsheim in Richtung Bad Liebenzell liegt der kleine Ort Möttlingen (1000 Einw.). Poljaks Mitarbeiter Gottfried Müller brachte Poljak nach Möttlingen, weil Möttlingen seiner Meinung nach ein "heiliger Ort" sei. Ich betrete die alte Kirche und lese über der Kanzel: "Die Weissagung wird ja doch erfüllt werden zu seiner Zeit. Der Gerechte wird seines Glaubens leben" (Hab.2,3-4). Hier wirkte der evangelische Pastor und Pietist Johann Christoph Blumhardt (1805-1880) in den Jahren 1838-1852. Bekannt wurde Blumhardt durch seinen erfolgreichen Kampf gegen die Gebundenheit der Gottliebin Dittus. An dem Haus, in dem Blumhardt mit den Dämonen kämpfte, steht: "Mensch bedenk die Ewigkeit und spotte nicht der Gnadenzeit, denn das Gericht ist nicht mehr weit". In Möttlingen schuf Pfarrer Christian Gottlob Barth (1799-1862) seine Kirchen- und Gemein­schaftslieder und gab die pietistischen "Jugendblätter" heraus. 1855 wurde in Möttlingen Friedrich Stanger als uneheliches Kind geboren. Er bekehrte sich als 50jähriger und wurde von seiner Trunksucht frei. Darum gründete "Vater Stanger" 1909 das christliche Erholungsheim "Rettungsarche", das heute noch segensreich in Betrieb ist. Ich gehe langsam durch Möttlingen und suche die Judenchristliche Patmos-Siedlung, den "Hebräer-Buckel", wie die Schwaben ihn nennen, doch die Strassen sind leer; die einzigen, die ich fragen kann, sind moslemische Frauen, erkennbar an ihren religiösen Kopftüchern.

Von der Barthstrasse aus führt die Strasse Am Berg hinauf zur Patmos ­ Siedlung, der Wirkungsstätte von Abram Poljak. Man nannte diese Judenchristliche Siedlung "Patmos", weil Patmos der Ort der Endzeitoffen­ barung des Johannes war. Das erste Haus, Am Berg Nummer 28, heisst "Zion", noch bewohnt von dem Ehepaar Erich und Maria Klink, die in Erinnerung schwelgen, wenn sie an Abram Poljak's Wirkungszeit denken, den sie liebvoll "Bram" nennen. In derselben Strasse befindet sich das Wirtschaftsgebäude "Schalom", das Einzelhaus "Hoffnung" und fünf Rei­ henhäuser, gehütet und gepflegt von einem älteren Bruder. Dort ist auch der Sitz des Patmos-Verlages, der Poljaks Nachlassschriften und die der Juden­ christlichen Gemeinde verbreitet.

Möttlingen wird heute noch "Gnadenort der evangelischen Kirche" ge­ nannt, was nicht nur auf Blumhardt, Barth und Stanger zurückzuführen ist, sondern im Hinblick auf die nationalsozialistische Judenverfolgung, besonders auch auf Poljaks Dienst in der Nachkriegszeit. In den 50er Jahren reisten jeweils 500-600 Menschen nach Möttlingen, um dort die Botschaft vom Reich zu hören. Auf dem Weg zur Patmos-Siedlung, der damals noch ungepflastert war, blieben viele Schuhe im Schlamm stecken, so dass die Besucher oft barfuss oben ankamen, so als wäre der Boden dort heilig Land. In der grossen Versammlungsbaracke, früher Laubhütte genannt, weil sie aussen mit Ried verkleidet ist, hängt heute noch die blaue Fahne mit dem Kreuz im Davidstern. Poljaks organisatorisches Werk gibt es nicht mehr, die Möttlinger Patmos-Siedlung steht zum Verkauf aus, Baron Albert von Sprin­ ger, der heute in der Schweiz lebt, möchte finanziell alles zum guten Abschluss bringen. Poljaks Botschaft vom Reich aber lebt weiter, wie eine Stafette von verschiedenen Israelfreundeskreisen übernommen. In Kirchen und Gemeinschaften gibt es Kreise, die mit Gebet und Spenden hinter Israel stehen. Fragt man, wie sie entstanden sind, so hört man: "Da war nach dem Krieg ein Judenchrist mit Namen Abram Poljak...." Diese Kreise übernah­ men nicht nur Poljaks Botschaft sondern auch Poljaks Erbe, denn damals wie auch heute stehen diese Israelfreunde in ihren Kirchen und Gemein­ schaften oft allein da, abgelehnt von Pfarrern und Predigern, für die Juden immer noch ein rotes Tuch sind.

Bevor ich Möttlingen verlasse, gehe ich noch einmal über den kleinen Friedhof, der an der Strasse liegt, die nach Weil der Stadt führt. Ein grosses Holzkreuz, das Stangers Grab anzeigt, tragt die Inschrift: "Jesus lebt, Jesus siegt!" Plötzlich stutze ich, denn auf 13 Gräbern sieht man das Kreuz im Davidstern. Die Verstorbenen ge­hörten zur Judenchristlichen Gemeinde. Unter ihnen findet man auch das Grab von Abram Poljak (28.3.1900 - 28.10.1963) und Ag­ nes Sara Waldstein (3.5.1900 - 18.8.1961). Der Prophet Poljak war ein Mensch wie wir mit allem Plus und Minus. Seine Sendung nach Deutschland war eine viel zu wenig beachtete Gnade Gottes für das deutsche Volk.

Näheres über den Ausgang des JCG-Werkes bei:

Herrn Karl Krauter,
Otto-Schott-Strasse 16, D-73431 Aalen,
Tel. 07361-44294 (0)

S. 126-131 mit freundlicher Erlaubnis von Ludwig Schneider
Israel-Jahrbuch 1994 ISBN 965-222-416-2 November 1993
© Nachrichten aus Israel Ltd, IL 93503 Jerusalem

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