Jan 20, 2020

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Frühregen und Spätregen


Orientierungsplan

Predigten und Artikel (1938-1946) Jerusalem, Juli 1947, Abram Poljak

Vorwort

Dieses Buch enthält Predigten und Artikel, die ich 1938 bis 1946 in London, in der Judenchristlichen Gemeinde, sowie als Gefangener in Interniertenlagern in England, auf der Isle of Man und in Canada gehalten bezw. geschrieben habe.

Sie erschienen bereits in der Monatsschrift „Die Judenchristliche Gemeinde" (Köniz-Bern, Schweiz), einige von ihnen auch in meinem Buche „Gottes Zeiten". Die in Frage kommenden Nummern der Zeitschrift sind vergriffen, ebenso das Buch „Gottes Zeiten".

Jerusalem, im Juli 1947 Abram Poljak.

[Dieses Buch besteht aus einer Sammlung von Einsichten aus dem Leben und Glauben dieses judenchristlichen Denkers zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Seine Erkenntnisse aus der Perspektive des biblischen Weltbildes weisen darauf hin, dass die diesseitige Wirklichkeit zwar real, aber nur vorübergehend ist. Die Erfüllung von Gottes Plan, der in der Weltgeschichte erkennbar ist, verlangt die Geduld des Ackerbauers, der nach Jakobus auf den Früh- und Spätregen warten muss. Für Poljak gibt es im Leben nicht nur Naturgesetze, sondern auch Schicksalsgesetze. Wer die geistlichen Lebensregeln auf den Wegen Gottes beachtet, findet in diesen Artikeln und Notizen Trost und Hoffnung. - P.E.M.]

Inhaltsverzeichnis

1. Teil: Vom Frieden der Seele

Markus
Der Sklave aller
Im dritten Himmel
Vom Frieden der Seele
Versiegelte Ordre
Der Kelch
Gottes Zeichen
Joseph
Unter der Sonne
Grenzen der Führung
Am Felsen Meriba
Vergessen
Oasen der Wüste
Vom Erfolg

2. Teil: Zahlen und Zeiten

Flüchtlinge
Apokalyptische Reiter
Zahlen und Zeiten
Das Schwert Michaels
Gelagert nach seinen Stämmen

3. Teil: Plangemäss (Predigtgedanken)

Unvorhergesehen - Plangemäss - Der Pilot - Verankert
Wenn Gott Gericht hält - Christi Schild - Zukunftspläne
Reife - Vaterlandsliebe - Auslegung
Moses und Hammurabi - Gebetsmission - Gefangenenmission
Der Urgrund - Aufstieg und Niedergang - Der Stein
Schutzhaft - Weltgeschichte - Israel und Sara
Aufrichtigkeit - Fehlbar - Prozess Jesu
Die ersten Schritte - Früh- und Spätregen - Christophorus

4. Teil: Kriegsweihnachten

1939: Am Tag des Herrn
1940: Der Weg zum Frieden
1941: Das Zeichen
1942: Den Menschen guten Willens
1943: Dass Christus Gestalt gewinne
1944: Versöhnung
1945: Friedensglocken
Ostern
Pfingsten

INRI

Jesus von Nazareth

König der Juden

1. Teil: Vom Frieden der Seele

Markus

Wer ist beim Lesen des zweiten Evangeliums je auf den Gedanken gekommen, dass der Verfasser Markus jene beiden Menschen auseinander gebracht hat, die für die Ausbreitung des Evangeliums unter den Heiden von entscheidender Bedeutung waren, nämlich Paulus und Barnabas?

Als die Judenchristen in Jerusalem noch nichts von der Bekehrung Pauli wussten und in ihm immer noch den Feind Saulus sahen, ihn fürchteten und nichts mit ihm zu tun haben wollten, war es Barnabas, der Paulus Vertrauen schenkte, für ihn, bürgte und ihn in die Apostelschar einführte. Und als Barnabas später die Führung der heidenchristlichen Gemeinde in Antiochien übernahm, reiste er besonders nach Tarsus, um dort Paulus zu suchen und als seinen ersten Mitarbeiter nach Antiochien, zu bringen.

Das Verhältnis zwischen Paulus und Barnabas muss unter diesen Umständen sehr innig gewesen sein, bis sich der Neffe des Barnabas, Markus, an einer Missionsreise beteiligte. Wie viele damals und heute, wusste auch der junge Markus nicht, was es heisst , Christ und ein rechter Prediger des Evangeliums zu sein. Als er sah, wie sich die Schwierigkeiten häuften, der Glaube bis ins Letzte geprüft wurde und jeder Schritt vorwärts Not und Tod bedeuten konnte, machte er kehrt.

Offenbar hat Markus seinen Fehler erkannt und bereut; denn als Paulus und Barnabas sich zur zweiten Missionsreise rüsteten, war 'er willig, wieder mitzugehen. Aber Paulus konnte ihm das erste Davonlaufen nicht verzeihen. Barnabas verlangte eine milde Beurteilung seines Neffen, aber Paulus gab nicht nach (wann hat er je nachgegeben?), und wir finden in der Apostelgeschichte 15,39 das Wort, "sie kamen scharf (erbittert) aneinander", so scharf, dass sie sich trennten. Barnabas fuhr mit Markus nach Cypern., Paulus aber berief Silas und durchzog mit ihm Syrien und Cilizien.

*

Paulus und Barnabas auseinander. Welch eine Tragödie! Wie bitter muss für jeden der beiden diese Trennung gewesen sein! Beide wussten, dass sie Säulen im Reiche Gottes waren, dass sie die grösste Aufgabe zu erfüllen hatten. Barnabas hatte erkannt, dass in Paulus der grösste der Apostel erschienen war, und Paulus wusste, dass Barnabas ihn in die Arbeit eingeführt und auf den Weg gestellt hatte. Einer brauchte den andern ... Brüder in Christo ... auseinander ...

Um eines Markus willen, eines unbedeutenden jungen Menschen, der beide im Stich gelassen hatte. War es dieser Markus überhaupt wert? "Gewiss nicht!" werden damals alle gesagt haben, die davon hörten. Damals... Heute aber denken wir nach und sagen: "Doch, er war es wert!"

Gott hätte die Trennung Paulus-Barnabas nicht zugelassen, wenn Er nicht beiden diesen Markus als kostbares Geschenk hätte zubereiten wollen. Aus dem unreifen Jüngling wurde ein reifer, tapferer Mann und grosser Evangelist. Paulus hat gewiss auch mit dem armen Markus scharf abgerechnet (Paulus war, keineswegs so still und sanftmütig, wie ihn diejenigen hinstellen, die ihn nicht kennen), aber gegen Ende seines Lebens schrieb derselbe Paulus an Timotheus: "Bringe Markus mit dir; denn er ist mir nützlich zum Dienst! "

Die Entwicklung hatte alle drei - Paulus, Barnabas und Markus - wieder versöhnt und vereinigt; denn, was Gott zusammenfügt, kann auf die Dauer nicht auseinandergebracht werden. Gott schlingt die Fäden des Schicksals wieder ineinander, und in der Abendsonne des Lebens leuchtet der goldene Strahl des Friedens.

*

Paulus, Barnabas und Markus sind ein Dreiklang göttlicher Weisheit. Man fragt, wer hatte recht im Verhalten gegenüber Markus - der strenge Paulus oder der milde Barnabas? Wer? Beide! Gott wirkte durch beide. Markus war ein Charakter, der beide gebraucht hat. Er brauchte die Milde des Barnabas, die ihn sanft vorwärts trug, aber er brauchte auch das vorwärts stossende Gericht des Paulus, jene göttliche Strenge, jene „göttliche Traurigkeit, die wirkt eine Reue, die niemand gereut...“

Markus... Auch hier: „Welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind Seine Gerichte und unerforschlich Seine Wege. Denn von Ihm und durch Ihn und zu Ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“

Der Sklave aller
Pauli Leiden.

In unserer "Markus"-Betrachtung sagten wir: "Paulus war keineswegs so still und sanftmütig, wie ihn diejenigen hinstellen, die ihn nicht kennen." In der Tat war Paulus ein aggressiver Charakter - wie hätte er sich sonst gegen eine Welt durchsetzen können? Wenn er in ruhiger überlegung schreiben konnte: "Verflucht sei," wer ein falsches Evangelium verkündigt (Gal. 1:9), können wir uns denken, wie er in entfesseltem Redestrom mit jenen umgesprungen ist, die sich ihm in den Weg stellten, die Ausbreitung der Wahrheit zu verhindern suchten oder ihn persönlich angriffen.

"Gott wird dich schlagen, du getünchte Wand! Du sitzst da, mich nach dem Gesetz zu richten, und gegen das Gesetz befiehlst du, mich zu schlagen?" rief er im Hohen Rat seinem Richter zu, ohne vorher zu fragen, ob die "getünchte Wand" nicht vielleicht der Hohe Priester selbst wäre (Ap. 23:3).

Wenn er ein Leisetreter gewesen wäre, hätte die Welt über ihn gelächelt und ihn in Ruhe gelassen, so wie man heute über die Leisetreter auf der Kanzel lächelt und sie in Ruhe lässt. Weil er aber ein Kämpfer war mit Durchschlagskraft , sahen die falschen Priester und Schriftgelehrten, Goldschmiede und sonstigen religiösen Geschäftemacher keine andere Möglichkeit, ihm beizukommen, als mit Gewaltaktionen und Advokatenkniffen, indem sie überall, wohin er kam, das Volk und die Behörden gegen ihn hetzten.

"Ich habe mehr gearbeitet als alle und habe mehr Schläge bekommen. Ich war öfter in Gefängnissen und Todesgefahren. Von den Juden habe ich fünfmal vierzig Streiche empfangen, dreimal wurde ich ausgepeitscht und einmal gesteinigt, dreimal habe ich Schiffbruch erlitten und Tag und Nacht im Meere zugebracht. Oft auf Reisen war ich in Gefahr durch Flüsse, in Gefahr durch Mörder, in Gefahr unter den Juden, in Gefahr unter den Heiden, in Gefahr in den Städten und in Gefahr in der Wüste, in Gefahr auf dem Meere, in Gefahr unter falschen Brüdern - in Arbeit und Mühe, oft wach, in Hunger und Durst, oft gefastet, in Kälte und Blösse - und ausser diesem noch das, was täglich auf mich eindringt: die Sorge um alle Gemeinden .." (2. Kor. 11:23.)

Eine Stufenleiter der Leiden... Welche mag die schmerzlichste gewesen sein?

So ging Paulus durch die Welt. Er wusste, dass es keinen andern Weg gab, Jesus zu dienen und den Grund des Evangeliums in der Welt zu legen. Und darum war er mit den Verfolgungen einverstanden und zufrieden. Er erwartete sie überall, und wenn sie kamen, war er nicht überrascht und erschüttert. überrascht war er nur dann, wenn sie irgendwo ausblieben...

*

Schmerzlicher als die Gefahren unter den Feinden, waren die unter den Freunden. " In Gefahr unter falschen Brüdern ,..." schreibt Paulus.

Nach langer, mühevoller Arbeit sein Werk durch einen bösen Geist zusammenbrechen zu sehen, Tag für Tag den Unverstand, die Unfähigkeit, Lauheit und Bequemlichkeit der Freunde zu sehen, oder gar die Schlange an der eigenen Brust entdecken, den Spion in der Gemeinde, den Verräter am Tisch erkennen zu müssen das ist schmerzlicher als Steinigung. Da verlassen auch einen Paulus die Kräfte. Welche Angst und welches Zittern spricht aus den Worten wie diesen:

"Denkt daran, dass ich drei Jahre lang, Tag und Nacht nicht aufhörte, einen jeden mit Tränen zu ermahnen." (Apg. 20:31.) "...wie eine Amme ihre Kinder pflegt." (1. Thess. 2:7.) "Meine Kinder, ich gebäre euch wiederum mit Angst, bis Christus in euch Gestalt gewinnt. Ich wünschte, jetzt bei euch zu sein und meine Stimme wandeln zu können, denn ich bin irre an euch." (Gal. 4:19.) "Was wollt ihr? Soll ich mit der Rute zu euch kommen oder im Geiste der Sanftmut?" (1. Kor. 4:21.) "Ich schrieb euch mit Tränen, in Herzensangst." (2. Kor. 2:4.)

Und welch ein Schmerz liegt in den Worten: "Demas hat mich verlassen." (2. Tim. 4:10.)

Mit welcher Liebe umgab Paulus seine Mitarbeiter: "...mein Mitgefangener in Christo ... mein Mitstreiter, mein rechtschaffener Sohn im Glauben ... haltet solche Leute in Ehren ... " schreibt Paulus über sie. Und dann haben ihn die Demase im Stich gelassen.

Paulus war krank : "Es ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, ein Engel des Satans, der mich mit Fäusten schlägt." (2. Kor. 12:7.) "Die Briefe sind schwer und stark, aber die Gegenwart des Leibes ist schwach und die Rede verächtlich." (2. Kor. 10:10.) "Ich war bei euch in Schwachheit." (1. Kor. 2:3.)

Er brauchte Pflege, er brauchte einen Menschen, er brauchte eine Frau, die für ihn sorgte. Auch darauf Verzicht um seiner Aufgabe willen. Paulus ging den Weg der Einsamkeit , den bittersten von allen:

"Haben wir etwa kein Recht, eine Schwester als Weib mit uns zu führen wie die übrigen Apostel?... Ich aber habe von keinem dieser Dinge Gebrauch gemacht... Obwohl ich von allem frei bin, habe ich mich allen zum Sklaven gegeben." (1. Kor. 9:5,15,19.) Der Sklave aller ...

*

Pauli Lebensweg war schwer, aber der letzte Gang , der Gang zur Richtstätte, war leicht. Ein Paulus lebt schwer, aber stirbt leicht. Nicht den Tod, sondern das Leben empfindet er als Last. Mit dem Tode des Körpers beginnt das wahre Leben. Nach dem Leben, im Jenseits sehnte sich Paulus und sehnen sich alle, die vom Jenseits wissen.

"Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, dies ist weit besser, das Bleiben im Fleische ist aber nötiger um euretwillen." (Phil. 1:23.)

Nur um seiner Aufgabe willen, nur um der armen Menschheit willen, die in Finsternis wandelt, nur um das Licht des Glaubens und der Wahrheit in vielen Herzen anzünden zu können, war Paulus willig, auf Erden zu sein, aber als er wusste, dass seine Erlösungsstunde nahte, dass er sterben durfte und in die Himmelreiche zu Jesus gehen könnte, da war er - vielleicht zum ersten Male in seinem Leben - restlos glücklich. Nun brauchte er nur noch die Bilanz seines Wirkens zu ziehen. Er überblickte sein Leben auf Erden und schrieb an Timotheus in letzter Ruhe, Würde und Feierlichkeit:

"Sei willig zu leiden, vollbringe das Werk eines Evangelisten" denn ich werde schon geopfert, die Zeit meines Abscheidens ist gekommen. Ich habe einen guten Kampf gekämpft und den Lauf vollendet. Ich habe Glauben gehalten. Mir ist beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, welche der Herr, der gerechte Richter, mir geben wird, aber nicht nur mir allein, sondern allen, die seine Erscheinung lieb haben."

"D ie Krone der Gerechtigkeit ist mir beigelegt "... Paulus durfte das von sich sagen, denn die Krone war ihm gewiss. Sein König, der König aller Könige, der Herr aller Himmelreiche wartete auf ihn, um ihn, der "treu war im Kleinen," d. h. auf Erden, über vieles zu setzen, "im Grossen," d. h. im Universum des Jenseits.

Und dann folgte er den römischen Soldaten. Als letzte Ehre auf dieser Welt wurde ihm - wie die Tradition berichtet - die römische Hinrichtung erwiesen. Da Paulus römischer Bürger war, durfte er nicht wie die palästinensischen Juden gekreuzigt, sondern musste enthauptet werden.

Wie Stephanus , dessen Hinrichtung einmal von Paulus geleitet wurde... so empfing nun auch Paulus selbst mit seinem letzten Blick die Welt in unendlicher Liebe und Freude. "Ich sehe den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehn." Er konnte seine Henker lieben und ihnen verzeihen, denn sie öffneten ihm die Türe zum Jenseits, zur Herrlichkeit. Darauf hatte er ja gewartet.

So betrat Paulus die andere Seite der Welt. Sein Geist, der auf Erden in einem kranken, schwächlichen Körper zusammen gepresst war, weitete sich und durchdrang einer geistigen Sonne gleich die Sphären. Wenn Jesus nach seiner Auferstehung zur Rechten Gottes gesetzt wurde, dürfen wir sagen, dass Paulus als der grösste der Apostel zur Rechten Christi sitzt und mit ihm wiederkehren wird an dem Tage, der verheissen ist.

*

Paulus tot! Hingerichtet! Die Nachricht durcheilte die Welt. Die Gemeinden beugten ihr Haupt. Paulus konnte nicht ersetzt werden. In ihm war die Fülle Christi lebendig. Was sollte jetzt werden?

Die Feinde jubelten. Paulus erledigt! Als Staatsfeind hingerichtet! Nach Recht und Gesetz! Der Revolutionär und Rebell! Der unstete Wanderer! Der friedlose Zerstörer alter heiliger Ordnungen! Endlich Ruhe! Dank dem römischen Richter!

Der römische Richter warf noch einen Blick auf das Papier, das ihm der Centurio überreichte: "Urteil vollstreckt!"

Zuckte nicht das steinerne Herz in diesem Augenblick?

Die jüdischen und heidnischen Priester, der Goldschmied Demetrius, der Advokat Tertullus, die "andächtigen und ehrbaren Weiber": "Endlich!" Aber ganz wohl war bei diesem "Endlich!" keinem, der diesem Paulus je ins Auge gesehen hatte. Dieses "Endlich!" wies in die Unendlichkeit...

Wenn der reiche Mann hinaufschauen kannte zum armen Lazarus und rufen musste: "Ich leide Pein in dieser Flamme!", dann wartete auf sie alle noch der Augenblick, da auch sie hinaufzuschauen hatten zu dem erhöhten Paulus.. .

*

Nach Meinung der Welt bedeutete die Hinrichtung Pauli das Ende des paulinischen Christentums. Wie arm ist doch eine Welt, die so kurzsichtig denkt! Zwei Jahrtausende schauen heute mitleidig auf sie hinab.

Paulus wuchs nach seinem Tode auch hier auf Erden. Immer mehr erkannten die Geistigen unter den Menschen, dass i n der Lehre Pauli die letzte Weisheit ruht. Nur die Juden sträubten sich, ihn anzuerkennen.

In Nr. 20 der JCG. schrieben wir:

"Paulus ist der Verkannteste und Einsamste im jüdischen Volke. Von ihm wollen die Juden nach wie vor nichts wissen. Nicht nur das. Je mehr sie sich für Jesus begeistern, umso strenger ziehen sie die Grenzen gegenüber Paulus.“

Nun aber bricht auch das letzte Bollwerk gegen Pauli Geist, denn Juden sind es, die ihn in der Judenchristlichen Gemeinde als Bruder und Führer auf dem Wege messianischer Erkenntnis anerkennen, die Fahne des jüdischen Volkes vor ihm senken und ihm als Geistesfürsten Israels huldigen!

Der dritte Himmel

Im zweiten Brief an die Korinther (12,1-4) spricht Paulus von einem dritten Himmel, in den er einmal entrückt war.

Paulus wird nicht nur der glücklichste, sondern auch der unglücklichste Mensch auf Erden gewesen sein. Wer in Armut geboren und aufgewachsen ist, ist zufrieden - bis er einmal den Glanz des Reichtums sieht. Und wer einmal den Glanz der Ewigkeit gesehen hat, der weiss erst, wie arm wir Menschen auf Erden sind. Und so werden jene ebenso glücklich wie unglücklich, deren Glaube am stärksten ist, deren Glaube zum Wissen geworden ist, zum Wissen um den Glanz der Ewigkeit.

Im Brief an die Philipper (1:21-25) schreibt Paulus: "Ich erwarte und hoffe, dass ich in keinem Stück versage, sondern dass wie immer so auch jetzt Christus verherrlicht wird an meinem Leibe, sei es im Leben oder im Sterben, denn Christus ist mein Leben und Sterben ist, mein Gewinn. Da aber mein Leben Früchte der Arbeit schafft, weiss ich nicht, was ich wählen soll. Es zieht mich nach beiden Seiten. Ich möchte abscheiden und bei Christus sein - bei weitem das Beste - das Bleiben im Körper ist aber um euretwillen nötiger. In dieser Zuversicht weiss ich, dass ich bleiben und bei, euch allen sein werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben."

"Ich weiss nicht, was ich wählen soll... Abzuscheiden und bei Christus zu sein, ist bei weitem das Beste" Nur das Bewusstsein seiner missionarischen Pflicht hielt Paulus auf Erden, liess ihn das Leben ertragen. *

Im dritten Himmel, dort, wo Paulus hineinschauen durfte, ist das Urlicht. Wer von diesem himmlischen Licht erfahren hat, wer es einmal gesehen hat, der weiss erst, wie trüb unser Sonnenlicht ist. Und wenn er dann wagt, das Licht der Sonne als trüb zu erklären - wer kann und wer will ihn hören?

Im Menschen lebt die Furcht vor dem absoluten Licht. Auch wenn er die Finsternis nicht mag, so will er doch nicht im vollen Lichte stehen - es blendet ihn, die erdgebundenen Augen ertragen es nicht. Darum sucht er ein Zwischenreich: das Halbdunkel, den Schatten.

Der Mensch mag die Lüge verwerfen, doch kann er auch die Wahrheit nicht ertragen. Er braucht ein Zwischenreich: den Irrtum, den Schatten der Wahrheit. Den entscheidenden Schritt vom Irrtum zur Wahrheit, vom Halbdunkel zum vollen Licht vermeidet er, wagt er nicht; denn die Fluten des vollkommenen Lichtes, der absoluten Wahrheit töten - töten unser niederes Ich und entfesseln das höhere.

*

Als die Lichtfluten Christi sich vor Damaskus über Saulus ergossen, wurde er blind. Saulus schloss die Augen, um sie als Paulus zu öffnen: "Herr, was willst du, dass ich tue?" Damit begann sein Weg - in den dritten Himmel. Wir müssen sterben, um zu leben, wir müssen erblinden, um zu sehen, wir müssen unglücklich werden, um das grösste Glück zu empfangen: ein Licht Gottes zu werden, das in der Finsternis scheint...

Vom Frieden der Seele
(Aus Briefen)

Sie klagen über Gebundenheit - über Fehler, Schwächen, Verirrungen, Zweifel - und fragen, ob Sie sich unter diesen Umständen noch als Kind Gottes betrachten dürfen.

Denken Sie nicht, dass Sie allein diesen Anfechtungen ausgesetzt sind. jeder, der den Weg des Glaubens geht, stösst auf Berge des Zweifels, und wer nach Reinheit strebt, steht bald im schwersten Kampfe mit der Unreinheit im eigenen Herzen.

Unser Leib ist ein Gefängnis, und so lange wir in ihm sind, eingekerkert - eingekerkert auf dieser Erde, deren Fürst der Satan ist (Joh. 12:31), sind wir Tag und Nacht verderblichen Einflüssen ausgesetzt.

Im 121. Psalm lesen, wir: "Es steche dich nicht die Sonne am Tage noch der Mond des Nachts."

Wir kennen die Gefahren des Sonnenstiches, der Mondsucht usw. Dieses Psalmwort wollen wir aber weitergehend auslegen und auf die Macht gewisser Zeiten und Stunden, des Tages und der Nacht, der Sonne und des Mondes auf unser seelisches Leben, auf unser moralisches Empfinden beziehen.

Tag und Nacht sind wir in einer geistigen Ebbe und Flut, in Ausstrahlungen und Anschwemmungen aus dem Jenseits und im trüben Gedankenstrom der Menschheit. So stehen wir im Kampfe mit Mächten, die wir nicht sehen und deren Kraft wir nicht ermessen können. Und wer will behaupten, dass er in diesem Kampfe nie falle - in Gedanken und Empfindungen und Worten und Taten?

"Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein..." (Joh. 8:7.)

Im Brief an die Römer (Kap. 7) sagt Paulus: "Das Gesetz ist geistlich, ich aber bin fleischlich - unter die Sünde verkauft. Ich habe wohl den Willen, aber nicht die Kraft, das Gute zu tun. Das Gute, das ich will, tue ich nicht, aber das Böse, das ich nicht will, tue ich. So ich aber tue, was ich nicht will, bin ich es nicht, der es tut, sondern die Sünde, die in mir ist. Ich habe Freude am Gesetz Gottes, aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und nimmt mich gefangen. Ich elender Mensch! Wer wird mich von diesem Todesleibe erlösen!"

Paulus spielte nicht mit Worten! Was er sagte, meinte er in allem Ernst, und er ist zu gross, als dass er unserer Verteidigung bedarf, unserer Bemühungen, das Menschliche in ihm hinweg zu disputieren. "Elia war ein Mensch wie wir", sagt Jakobus (5:17). Auch Paulus war ein Mensch wie wir. Er war einige Male in hohe Sphären, in den "dritten Himmel" entrückt (2. Kor. 12:2) und hörte die Stimme Christi und die der Engel, im übrigen aber war er genau so eingekörpert, - eingekerkert wie wir. Und aus der Tiefe dieses Kerkers hören wir den Aufschrei seiner Seele: "Wer erlöst mich von diesem Todesleibe!"

Der grösste Apostel Christi im Kampfe mit sich selbst! Seele gegen Leib, Gemüt gegen Glieder! Und das Ergebnis: "Ich tue nicht, was ich will, sondern das, was ich hasse!"

Aber Paulus geht in den Wellen der Finsternis nicht unter, sondern findet den Weg zum Licht, zur Höhe, zum Höchsten. Und dieser Weg ist so naheliegend, so einfach und so leicht: Er setzt nur ein anderes Vorzeichen und verwandelt die Schwäche in Stärke, das Negative ins Positive. Er setzt anstelle des Minuszeichens das Pluszeichen, das Kreuz, und kommt zum Ergebnis der Gnade - die einfachste Lösung der schwersten Aufgabe, die Erlösung im Himmel und auf Erden, in Zeit und in Ewigkeit.

Wer die Sünde nicht kennt, kennt auch nicht die Gnade Gottes... Unsere Aufgabe auf Erden, im Kerker unseres Leibes, ist nicht, unsere Gerechtigkeit zu sehen (wie es die Pharisäer gerne tun), sondern die Gnade Gottes.

Zu unserer Erlösung können wir nichts beitragen. Was zu tun war, hat Christus auf Golgatha für uns getan - ein für alle Mal'. Dem können wir nichts hinzufügen und nichts abziehen. In unserer Hand liegt nur, sie anzunehmen oder abzulehnen, d. h. gegen den Willen Gottes unterzugehn oder in Glauben und Demut Christus nachzufolgen als Diener Gottes und Helfer der Menschheit.

Auf diesem Wege werden uns jene Worte begegnen, mit denen Paulus seine Selbstbetrachtung geschlossen hat - das jubelnde Finale, mit dem jede Lebenssymphonie schliessen sollte, die Auflösung aller Kontrapunkte, das überwinden alter Dissonanz, die siegreichen, himmelstürmenden Akkorde: "Ich rühme mich meiner Schwachheit, auf dass Christi Kraft in mir wohne. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?!" (2. Kor. 12:10; 1. Kor. 15:55.)

Versiegelte Ordre

Missionare sind Soldaten Christi. Soldaten müssen auf Befehl marschieren, ohne zu wissen wohin. Sie dürfen nicht fragen, sondern müssen gehorchen. Sie marschieren im Glauben, im Vertrauen zu ihrem Kommandeur.

Wie wir marschieren müssen, lernte ich als Fünfzehnjähriger in der Schule. Es war in Leipzig, im Jahre 1915, während des Weltkrieges. Damals wurde in allen höheren Schulen Deutschlands militärischer Unterricht erteilt. Eines Morgens führte unser Instruktor - ein verwundeter Leutnant - meine Klasse in die Umgebung der Stadt. An einem Kreuzweg bildete er zwei Abteilungen, ernannte mich zum Führer der einen und gab mir eine " versiegelte Ordre" unter der Bedingung, dass ich den Briefumschlag nicht vor 11.30 Uhr öffnete. Nachdem ich dies feierlich versprochen hatte, musste ich mit meiner Abteilung die Hauptstrasse weitermarschieren.

In der einen Hand hielt ich die Ordre und in der anderen meine Uhr - voller Angst, ich könnte die Ordre verlieren oder die Minute verpassen. Punkt 11.30 Uhr riss, ich den Umschlag auf und las, dass ich eine in der Nähe befindliche Brücke besetzen müsse, um dem "Feind" den übergang zu sperren. Jetzt befahl ich Laufschritt. In wenigen Minuten waren wir an der Brücke, wo der Leutnant bereits wartete. Als kurz darauf die andere Abteilung anmarschierte, wurde sie von ihm als besiegt erklärt.

Achtundzwanzig Jahre sind seit jenem Kriegsspiel verstrichen, aber ich werde nie den Eindruck vergessen, den die "versiegelte Ordre" auf mich machte. Damals lernte ich, dass es geheime Befehle gibt, unbekannte Richtlinien, die erst nach langem Marsch und zur genau bestimmten Zeit (11.30 Uhr - nicht eine Minute früher und nicht leine Minute später) offenbar werden.

*

Jedes Kind Gottes empfängt "versiegelte Ordres". So wir den ebenso klaren wie geheimen Befehl Christi in unserem Herzen vernommen haben, darf es für uns nur noch eins geben: die Ausführung ohne Wenn und Aber, den Marsch im Glauben. Zur gewissen Zeit, zu Gottes Zeit, fallen die Siegel und wir stehen an der Brücke des Lebens, an der Grenze des verheissenen Landes, am Jordan, dessen Fluten sich teilen und dessen Steine zum Denkmal göttlicher Allmacht und Gnade werden. (Jos. 4.)

Die Zeit entsiegelt alle Geheimnisse unseres Lebens und der Glaube gibt uns den Sieg. So wollen wir denn weitermarschieren als Soldaten Christi - mit der Bibel in der Hand und dem Gebote Christi im Herzen: unserer versiegelten Ordre. Lassen wir uns vom Heiligen Geiste führen Schritt für Schritt und Stunde für Stunde und Stufe für Stufe, von Klarheit zu Klarheit bis alle Siegel und alle Hüllen fallen und wir erkennen, wie wir erkannt sind in den Lichtfluten der göttlichen Wahrheit!

Der Kelch

Jesus sprach zu Petrus: "Stecke dein Schwert in die Scheide. Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?" (Joh. 18, 11.)

Für Christi Kreuzigung wissen wir viele Schuldige: Judas, Pilatus, Kaiphas usw. Was aber sagt Christus selbst in, der Stunde der Entscheidung? Er sieht über alle Feinde hinweg, über alle Menschen und alle Teufel - hinweg bis zur höchsten Höhe und tiefsten Tiefe, bis zum letzten Grund, der Ursache aller Ursachen: Gott.

Nicht der Satan und nicht die Menschen, nicht die Römer, und nicht die Juden, sondern Gott allein, Sein Vater im Himmel gab Ihm den Kelch. Nur aus Gottes Hand nahm Jesus Kreuz und Krone.

Auch für unsere eigenen Leiden finden wir stets einen Schuldigen. Und dann sehen wir so scharf auf ihn, dass sich unser Blick verdunkelt und wir nicht mehr sehen, dass auch wir selbst in irgendeiner Weise zur Herbeiführung des Unglücks beigetragen haben, dass alles, was uns begegnet schicksalsgebunden ist, zu unserer Erziehung, Läuterung und Entwicklung dient, und dass auch hinter den tragischsten Erscheinungen unseres Lebens Gottes Weisheit und Gnade sich verbergen.

Weil Christus die Dornenkrone nicht aus der Hand der Menschen, sondern aus der Gottes nahm, wurde sie zur Krone der Herrlichkeit auf Seinem Haupte, und weil Er als Lamm Gottes starb, wird Er als Herrscher zurückkehren.

Es liegt an uns, wie wir aus der Leidensperiode herauskommen, in der wir heute stehen: hässlich und verbittert oder licht und stark.

Hören wir auf, unsere Feinde anzuklagen, denn mit diesen Anklagen zerstören wir die göttliche Weihe unseres Leidenskelches. "Jesus nahm den Kelch und dankte." (Matth. 26, 27.) Nach alter jüdischer Sitte dankte, d. h. segnete Jesus jedesmal den Kelch, bevor Er trank. Er segnete ihn auch in Gethsemane.

Folgen wir Ihm auf diesem Wege. Danken wir, segnen wir jeden Kelch, der uns gereicht wird, auf dass die Hölle ihren Sieg verliere und wir dorthin kommen, wo Christus ist. (Joh. 17, 24.)

Gottes Zeiten

Alle Dinge müssen reifen - in der Natur, im Geiste und auf den Schicksalslinien der Menschen und Völker.

Gott schuf die Welt nach einem Plan. Nach dem Plane Seiner Weisheit. Einer Weisheit, die wir nur ahnen, aber nie voll begreifen können. Einer Weisheit, deren Strahlen unseren Geist erleuchten, und beglücken, deren letzte Tiefe aber weder von Menschen noch von Engeln erkannt werden kann. In der Offenbarung Johannes (5:3) heisst es, dass niemand im Himmel wie auf Erden das siebenfach versiegelte Buch des Weltgerichtes öffnen und lesen konnte als nur der grosse überwinder, der Löwe aus Juda, das Lamm Gottes selbst.

Gott gab der Welt Natur- und Schicksalsgesetze, und für Seine Gerichte setzte Er Zeiten und Masse fest. Das Mass des Guten wie des Bösen muss voll werden dann erst das Gericht, dann erst "Gottes Zeit!"

Im 9. Kapitel der Offenbarung Johannes (V. 14) werden vier Gerichtsengel erwähnt. Wir nehmen an, dass sie zur Kategorie der gefallenen Engel, "die ihre Behausungen verliessen" (Jud. 6), gehören und darum an den Euphrat gebannt wurden. Von diesen vier Engeln wird gesagt, dass sie "bereit waren auf die Stunde und auf den Tag und auf den Monat und auf das Jahr". Dass "Stunde und Tag" nicht nur erwähnt, sondern auch vor "Monat und Jahr" gesetzt ist, weist darauf hin, dass Gott nicht nur die grossen, sondern auch die kleinsten Zeitenkreise bestimmt, und dass alle Seine Massnahmen bis ins letzte geordnet sind.

Gott offenbarte Abraham (1. Mose 15:16), dass seine Nachkommen Fremdlinge in Aegypten sein und erst im vierten Geschlecht nach Kanaan zurückkehren werden, "denn die Ungerechtigkeit der Amoriter (Kanaaniter) ist bis dahin noch nicht voll".

Erst als das Sündenmass der Kanaaniter voll war, gab sie Gott in die Hand Israels. Wir ersehen daraus, dass selbst die Auserwählten Gottes im Schmelztiegel ägyptens bis zum vierten Geschlecht warten mussten, weil Gott langmütig gegenüber den Amoritern war. Gott liebt nicht nur Seine Freunde, sondern auch Seine Feinde und lässt Seine Sonne aufgehen über Gerechte wie über Ungerechte.

Wir klagen und fragen oft: "Warum lässt Gott das Böse zu? Warum greift Er nicht ein? Warum tut Er nicht dieses? Und warum nicht jenes?"

Wenn wir so fragen, gleichen wir den in der Offenbarung Johannes (6:10) erwähnten Seelen unter dem Altar, die sich zwar für Gott töten liessen, aber Gottes Wege nicht verstehen. Während alle Gottes Macht und Weisheit preisen, fragen jene, wie lange Gott noch mit Gericht und Rache warten wolle.

Man gibt ihnen daraufhin ein weisses Kleid und ermahnt sie, sich ruhig zu verhalten und zu warten, bis auch ihre Mitkämpfer und Brüder getötet werden - d. h. bis das Mass der Feinde Gottes voll sein würde. Dann erst das Gericht. Dann erst Gottes Zeit!

Das weisse Kleid, das man den Ungeduldigen gab, ist das Kleid der Reinheit und Weisheit, der Vollkommenheit und Erkenntnis Gottes.

Streben wir nach dem weissen Kleid. üben wir uns in der "Geduld der Heiligen", in der heiligen Geduld. Lernen wir die grosse Kunst des Wartens, des Wartens auf die Zeit, auf die Zukunft des Herrn. Wie geschrieben steht:

"Seid geduldig, liebe Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn. Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärket eure Herzen; denn die Zukunft des Herrn ist nahe!" (Jak. 5, 7.)

Joseph

Hatte Joseph nur mit Rücksicht auf seinen Vater von der Bestrafung seiner Brüder abgesehen? Würde er sich nun, nach dem Tode des Vaters rächen? Die Brüder erwarteten es. Sie fielen vor ihm nieder und baten um Gnade.

"Und Joseph weinte und sagte: Fürchtet euch nicht – Bin ich an Gottes Statt ? Ihr zwar hattet Böses wider mich im Sinn, Gott aber gedachte es zum Guten zu wenden und so zu tun, wie es heute ist, um ein grosses Volk am Leben zu erhalten." (1. Mose 50:17-20.)

Und Joseph weinte ... Dass die Brüder weinten, ist verständlich; sie empfanden die Schwere ihres Verbrechens und fürchteten ihren Bruder. Warum aber weinte Joseph?

Joseph sah die Brüder, die ihn ermorden wollten und schliesslich für zwanzig Silberlinge an Sklavenhändler verkauften, aus Neid und Missgunst.

Er sah Aegypten. Als Sklave lernte er in der Frau Potiphars einen anderen Abgrund menschlicher Verkommenheit kennen. Dass er auf Grund der gegen ihn erhobenen Anklage nicht getötet, sondern nur ins Gefängnis geworfen wurde, war ein Wunder.

Er sah den königlichen Mundschenk - dem er den Traum deutete und den Wiederaufstieg voraussagte. "Gedenke meiner, wenn es dir gut geht. Erweise mir Güte, erwähne mich beim Pharao und bring mich aus diesem Gefängnis heraus - denn gestohlen bin ich aus dem Lande der Hebräer, und auch hier habe ich nichts getan, dass sie mich in den Kerker gesetzt haben", bat er dabei. (1. Mose 40:14.)

"Aber der Mundschenk gedachte Josephs nicht und vergass ihn." (23.)

Und so sass Joseph noch zwei volle Jahre unschuldig im Gefängnis, bis der Pharao von den sieben Kühen träumte und der Mundschenk sich erinnerte.

Jetzt stieg Joseph auf - aus tiefster Tiefe zur höchsten Höhe. Der Pharao gab ihm den Titel Zaphnat Pahneach (Retter der Welt) und verlieh ihm unumschränkte Macht. *

Als Zaphnat Pahneach sah Joseph hinab auf den Mund-schenk, der ihn vergessen, auf die Frau Potiphars, die ihn ins Gefängnis gebracht, und auf seine Brüder, die ihn als Sklaven verkauft hatten.

Er hatte seine Brüder gestraft, als sie zu ihm kamen, um Getreide zu kaufen. Er hatte sie seine Macht fühlen lassen und ihnen eine Lektion erteilt. Joseph hatte gelernt, diesen Menschenschlag zu behandeln, zur Selbsterkenntnis zu bringen und auf die Knie zu zwingen.

Die zarten Saiten seines Herzens waren ausgeklungen in der Grube, in die seine Brüder ihn geworfen hatten, auf dem Wege der Sklaverei, im Gefängnis und auf dem ägyptischen Thron. Man wird hart auf den Pfaden der Gefangenschaft und in den Aemtern der Könige.

Was aber auch Joseph gewesen und geworden war - er war das Kind Israels geblieben, der Sohn der Rahel. Als Zaphnath Pahneach sah er hinab auf seine im Staube liegenden Brüder: Gerechtigkeit! Als Kind Israels aber sah er hinauf zum Himmel: Gnade

" Bin ich an Gottes Statt? "

*

Die Könige der Heiden sahen sich an Gottes Statt, sie liessen sich als Gottheiten verehren und entschieden über Leben und Tod. Joseph aber kannte die Grenzen seiner Macht, seines Auftrages. Welche Vollmacht ihm auch der König ägyptens gegeben hatte - Joseph kannte den König aller Könige, vor dem auch die Gewaltigsten der Erde Staub sind. Joseph kannte den Gott seiner Väter Abraham, Isaak und Jakob und er sah im Bilde der vor ihm auf den Knien liegenden Brüder die Allmacht dieses Gottes - Seine Weisheit, Seine Führung, Seine Gerechtigkeit und Seine Güte. Joseph sah.. .

Da stieg Zaphnat Pahneach, der Herrscher ägyptens, die Stufen seines Thrones herab. Und Joseph, das Kind Israels, der Sohn der Rahel, weinte.

Unter der Sonne

Wir standen auf dem ölberge bei Jerusalem. Der Missionar, wies in die Ferne: "Dort waren die Paläste, die Salomo seinen tausend Frauen baute. Er fiel durch diese Frauen und zerstörte, sein Reich."

"Der weise Salomo", sagt jemand. "Warum "der Weise", wenn er so töricht lebte?"

Man erwiderte. Die einen priesen seine Klugheit und die anderen tadelten seine Schwächte. Alle erkannten seine Grösse an, aber keiner erwähnte - die Zartheit seines Herzens.

*

Zwischen zwei Worten steht Salomo. Das eine sprach er, als er den Thron bestieg, zu Gott: "Du hast mich zum König gemacht, aber ich bin ein Kind und weiss nicht aus und ein." (1. Kön. 3:7.) Das andere schrieb er auf der Höhe seiner Macht und seines Ruhmes: "Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel und nichtig!" (Pred. 1.)

Vierzig Jahre sass Salomo auf dem Thron in Jerusalem. Er war der mächtigste Herrscher seiner Zeit, alles fiel ihm zu in Frieden, ohne Krieg. Er hatte alles, was er begehrte, und doch blieb sein Herz arm, denn es schlug in dieser Welt, aber träumte in einer anderen. Und jeder Schlag in dieser Welt schlug eine Wunde in der anderen.....

Vierzig Jahre sass Salomo auf dem Thron. Die Menschen, die vor ihm standen, sahen in ihm den Herrscher, den Richter, den Weltweisen, der die Könige des Nordens begeisterte und die Königinnen des Südens entzückte, aber keiner sah das wehe Auge des Kindes, keiner ahnte, dass während die königliche Würde mit Macht und Strenge regierte und ein Todesurteil sprach, das wunde Herz des Träumers den Verurteilten beneidete und in das Buch der Predigt schrieb: "Ich hasse das Leben - ich hasse alle meine Mühe - und ich preise die Toten mehr als die Lebenden und glücklicher als beide preise ich den, der überhaupt nicht geboren wurde und das böse Tun nicht zu sehen hat, welches unter der Sonne geschieht...." (Pred. 2: 17-18, 4:2.)

Der Weise Asiens, Gautama Buddha, verliess seinen königlichen Palast und lebte ein eigenes Leben. Salomo aber lebte ein fremdes Leben. Tag für Tag legte er die Rüstung des Helden an und das Visier des Königs, und mit dieser eisernen Maske stieg er im Lichte aller Sonnen die Stufen seines Thrones empor, der höher war als alle anderen.

Nur im milden Lichte der Nacht war er "der Mensch, den seine Seele liebte", der Mensch ohne Rüstung und Krone. Da sah er hinauf zu den Sternen des Himmels, und seine Sehnsucht floss frei in der Unendlichkeit des Alls. "Unter der Sonne" aber sass er als Träumender und Trauernder auf dem Thron.

David schrieb Psalmen unter der Schwere seiner Sünde und aus der Not seiner Seele. Salomo, sein Sohn, schrieb die Predigt der Entsagung und das Lied der Lieder unter der Last seiner Würde und in der Sehnsucht seines Herzens.

Tausend Frauen hatte Salomo... "Ich sammelte mir Sänger und Sängerinnen und die Wonne der Menschenkinder: Frau und Frauen. Was meine Augen begehrten, entzog ich ihnen nicht, und keine Freude versagte ich meinem Herzen... Aber alles war Eitelkeit und ein Haschen nach Wind."

Er hatte tausend Frauen, aber sein Herz blieb arm und wurde ärmer und ärmer durch "die Begierde seiner Augen". Seele sehnt sich nach Seele, und seine Seele rief - vergeblich? - nach der schwesterlichen Seele, nach Sulamith: "Meine Schwester, meine liebe Braut..."

Das Lied der Lieder... Klänge einer Harfe, der Harfe einer Seele, der Seele Salomos....

Grenzen der Führung

Das 12. Kapitel des 1. Buches Mose besteht aus drei Teilen. Im ersten wird erzählt, wie Gott Abram herausruft aus seines Vaters Hause und ihn nach Kanaan sendet. Abram folgt dem Rufe Gottes und empfängt dafür den Segen. Der zweite Teil beginnt mit dem 10. Vers: "Es entstand eine Hungersnot im Lande und Abram zog nach ägypten hinab, um sich dort aufzuhalten."

Im ersten Teil des Kapitels lesen wir, dass Gott Abram nach Kanaan sandte . Gott erschien ihm zuerst in Haran und dann in Kanaan und offenbarte sich ihm an beiden Stellen als Führer und Lenker seines Lebens. Abram lernte aus diesen Offenbarungen, dass seine Wege von Gott bestimmt und vorbereitet waren.

Im zweiten Teil finden wir aber nichts darüber, dass Gott Abram von Kanaan nach ägypten sandte . Es steht nur: "Es entstand eine Hungersnot in Kanaan, und ( deshalb ) zog Abram nach ägypten hinab."

Wir sehen daraus, dass Abram nicht auf Veranlassung Gottes, sondern aus Furcht vor der Hungersnot handelte. Die Hungersnot war eine Prüfung seines Glaubens .

Es überrascht uns, dass Abram diese Prüfung nicht besteht. Wir fragen: Wie konnte er, der doch Gott kannte und Seine Stimme zu hören vermochte, so handeln?

Wie konnte...? Auch die Auserwählten Gottes sind Menschen mit Fehlern und Schwächen... Und vergessen wir nicht: Es waren seine ersten Schritte auf dem Glaubenswege. Er war und hiess noch "Abram" und war noch nicht zum "Abraham" geworden. Er war noch nicht im Glauben erhöht.

*

Dass er einen Fehler beging, scheint ihm bereits auf dem Wege zum Bewusstsein gekommen zu sein. Er denkt an die Schönheit seiner Frau und fürchtet, dass die ägypter ihm Sara nehmen und, wenn sie hören, dass er ihr Gatte sei, ihn töten werden. Er bittet sie darum, zu sagen, dass sie seine Schwester sei.

Abram hat gewiss empfunden, dass er eine traurige Rolle spielte, als er sich anschickte, seine Frau zu verleugnen. Aber er war schon zu weit vom Wege Gottes abgeirrt, er war schon, wie es im 11. Vers heisst, " nahe an ägypten "... , er besass nicht mehr die Kraft, er brachte es nicht über sich, im letzten Augenblick noch umzukehren. Und so überschritt er die Grenze, die das heilige Land vom unheiligen trennte, und ging in sein Unglück hinein.

Was er hatte kommen sehen, was Gott ihm als Warnung vorher gezeigt hatte, trat sofort ein, wie wir im dritten Teil des Kapitels lesen: Sara wurde ihm genommen und in den Harem des Königs gebracht. Da sie dort, wie Abram es wünschte, ihn als ihren Bruder bezeichnete, bestand für den König keine Veranlassung, den rechtmässigen Gatten durch Ermordung aus dem Wege zu räumen. Gegen seinen neuen "Schwager" war der König sehr freundlich und grossmütig. Er zahlte für Sara einen hohen Preis, indem er Abram mit Scharen von - Sklaven und Herden von Vieh beschenkte.

Wir dürfen wohl annehmen, dass Abram seine Frau, die nicht nur von aussergewöhnlicher Schönheit, sondern als Trägerin der grossen Verheissung auch mit ausserordentlichen geistigen Gaben begnadet war, zutiefst liebte, und dass er zusammenbrach, als sie ihm genommen und in die Arme des, ägypters gegeben wurde.

Wiederum mag die Frage in uns entstehen: Wie konnte Abram, wenn er seine Frau wirklich liebte, es so weit kommen lassen? Warum kämpfte und starb er nicht für sie und mit ihr?

Wie konnte...? Warum...? Wir handeln oft unbegreiflich - nicht nur für die anderen unbegreiflich, sondern auch für uns selbst. Wenn wir im Bannkreis des Bösen sind, dann schreiten wir starr von einem Fehler zum anderen, von einem Verbrechen zum anderen und halten nicht eher ein, bis wir den ganzen Kreis ausgeschritten, den Kelch der Sünde bis zur Neige geleert haben und gebrochen am Boden liegen.

Und so wird auch Abram gebrochen am Boden gelegen und zu Gott geschrien, haben. Im Spiegel der Folgen wird er erkannt haben, dass er nicht eigenmächtig handeln durfte, sondern auf Führung, auf die Stimme Gottes hätte warten müssen. In diesen Tagen der Not wird er erkannt haben, dass er nicht nach ägypten ziehen durfte, wenn ihn Gott nach Kanaan geführt hatte. In diesen Stunden der Qual wird er erkannt haben, dass er nicht auf die Hungersnot achten sollte, sondern auf den Willen Gottes allein, und so wir unser Brot aus der Hand der Heiden und nicht Gottes empfangen wollen, wir einen Preis zahlen müssen, an dem unser Herz bricht. Gottes Wort ist mehr als Brot!

In diesen Augenblicken der Verzweiflung, in den endlosen Minuten schlafloser Nächte, da wir hingegeben werden den Gespenstern der Finsternis und der Geissel unseres Gewissens, blieb nichts mehr übrig von dem Fürsten Abram, dem Fürsten im Geiste und auf Erden. Er lag im Staube vor dem Throne des Allmächtigen und flehte zu Gott, ihm die Schuld zu vergeben und ihm sein Teuerstes, sein Weib, zurückzugeben.

Und Gott erhörte das Flehen Seines Knechtes, Er sah die Tränen Seines Auserwählten, Er fühlte den Schmerz Seines Kindes und Freundes. Gott vergibt uns unsere Schuld, und unsere krummen Wege macht Er gerade. Von neuem griff Er in den von menschlichem Eigensinn, von Torheit und Ungehorsam geschaffenen, verworrenen und ausweglosen Schicksalskreis Abrams ein und gestaltete ihn nach Seinem heiligen Willen: "Er schlug den Pharao und sein Haus mit grossen Plagen um Saras willen, des Weibes Abrams", heisst es im 17. Vers.

Der König erkannte die Ursache seines Unglücks; seine Weisen, die Magier und Sterndeuter werden es ihm gesagt haben. Er ging den Dingen auf den Grund und erfuhr, dass Sara nicht die Schwester, sondern die Frau Abrams war. Angesichts des Schwertes Gottes wagte der König nicht, Abram für die Lüge mit dem Tode zu bestrafen. Er verlangte von ihm aber, dass er mit Sara das Land verlasse. Das Kapitel schliesst mit den Worten: "Der Pharao entbot seinetwegen Männer und sie geleiteten ihn und sein Weib und alles, was er hatte." Das heisst in der Sprache unserer Zeit, dass Abram aus ägypten ausgewiesen und von der Polizei an die Grenze des Landes gebracht wurde..

*

So kam Abram nach Kanaan zurück. Seine Reise nach ägypten war kein Akt göttlicher Führung, kein gesegneter Glaubensweg, sondern ein Abenteuer, dessen er sich zu schämen hatte. Nun war er wieder in Kanaan, dem Lande der Hungersnot.

War sie noch, als er zurückkam? Ob Hungersnot im Lande oder nicht - ihn hätte sie nie berührt. Wenn die Erde ihm kein Brot hätte geben wollen, dann hätten es ihm die Raben des Elia aus dem Himmel geholt und durch die Luft gebracht. Kinder des Glaubens bekommen von Gott alles, was sie brauchten und wollen. Nur dürfen sie eines nicht tun: sie dürfen nicht von Kanaan nach ägypten ziehen, wenn Gott sie nicht sendet, denn ägyptens Plagen mögen auf sie warten.

*

Im Hebräerbrief heisst es (10, 35) : "Werfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine grosse Belohnung hat." Unser Vertrauen wird an Scheidewegen geprüft. Wenn wir da nur für einen Augenblick unseren Glauben, unseren Gehorsam gegen Gott aufgeben, geraten wir auf einen falschen Weg, auf ein falsches Gleis, und es bedarf eines langen Schmerzensweges, bis wir den Ausgangspunkt von neuem gefunden haben.

Am Felsen Meriba (Haderwasser)

"Nimm den Stab ... sprich zum Felsen und er wird Wasser geben... Moses erhob seine Hand und schlug den Felsen mit seinem Stabe zweimal..." (4. Mos. 20.)

Es war nicht das erste Mal, dass die Kinder Israels auf diese Weise aus einem Felsen Wasser bekamen. Bereits zu Beginn der Wüstenwanderung wurden sie am Horeb aus einem 'Felsen getränkt. Damals sagte Gott zu Moses: "Du sollst den Felsen schlagen und es wird Wasser herauskommen." (2. Mose 17:6.)

Am Felsen Meriba wurde Mose aber nicht geboten zu schlagen, sondern nur zu sprechen . Er sollte zwar den Stab in der Hand halten, ihn aber nicht benützen.

Am Felsen Meriba war Moses in der unglücklichsten Stunde seines Lebens. Das Volk, das - obwohl es die göttliche Führung täglich sah - immer und immer wieder murrte und nach den Fleischtöpfen ägyptens schrie, hatte schliesslich auch den Führer gebrochen, zur Verzweiflung getrieben, im Glauben, d. h. im Gehorsam irritiert - wenn auch nur für einen Augenblick. Aber dieser Augenblick war entscheidend.

Moses stand vor dem Felsen, weithin sichtbar. Das ganze Volk war Zeuge seiner Tat und seines Wortes. Und in beiden fehlte er.

Er überlegte nicht in jenem Augenblick. Der genaue Wortlaut des göttlichen Auftrages war in seinem Bewusstsein verdrängt. Zorn gegen das widerspenstige Volk beherrschte ihn. Fr liess sich von seinem Temperament fortreissen und liess seinen Zorn am Felsen aus: Nicht nur einmal, sondern zweimal schlug er ihn. Und nicht zum Felsen, sondern zum Volk sprach er:

Verhängnisvolle Worte: "Werden w i r euch nicht Wasser bringen aus diesem Felsen?" W i r - Moses und Aaron. Wo blieb Gott?

Der Felsen gab Wasser - viel, genügend für das ganze Volk. Aber Moses empfing das Urteil Gottes.

Ein Führer, der im entscheidenden Augenblick gegen Gottes Willen handelt - "Gott nicht heiligt" - muss gehen. Auch wenn er ein Moses ist. Je höher unser Amt ist, je mehr Gnade wir empfangen haben, umso grösser ist unsere Verantwortung und umso schwerer unsere Strafe für ein Vergehen.

Das Schwerste, was Moses treffen konnte, war, vom Einzug ins Heilige Land ausgeschlossen zu werden. Und dieses Urteil empfing er in jener Stunde, am Felsen Meriba.

Moses starb auf dem Berge Nebo im Lande der Moabiter. Das Heilige Land, das Land seiner Sehnsucht, durfte er nur von ferne schauen.

*

Wir sehen, wie gefährlich es ist, ohne ausdrücklichen göttlichen Auftrag selbst einen Stein zu schlagen. Wenn wir Gott vertrauen, gibt der Felsen auch ohne Schläge Wasser. Das Gebot Gottes ist klar: " Sprich zum Felsen!" D.h. : Kommandiere nicht, schrei nicht, schlag nicht, sondern sprich nur! "Glaub mir, heilige mich in den Augen Israels!" (4 Mos. 20.)

Moses musste büssen. Auch wir werden büssen, wenn wir schlagen, wenn wir das von Gott gesetzte Ziel mit unserer Kraft erreichen wollen und sagen: " Wir werden euch Wasser aus diesem Felsen hervorbringen!", wenn wir nicht Gott verherrlichen und Ihm allein die Ehre geben.

Schlagen wir nicht, auf dass wir das Heilige Land nicht nur von ferne sehen dürfen, sondern in ihm wohnen können, "ein jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaume".

*

Wir sehen Moses als Warnung: nicht zu schlagen, sondern nur zu sprechen - selbst zu einem Felsen. Derselbe Moses steht vor uns aber auch als Beispiel weiser und demütiger Führerschaft :

Eldad und Medad prophezeiten "ohne Autorisation".

"Moses, mein Herr, wehre ihnen!" rief der treue Diener Josua. Aber Mose erwiderte: "Möchte doch das ganze Volk Gottes Propheten sein!" (4. Mos. 11.)

Eldads und Medads sind auch in unserem Kreise und wenn sie selbständig handeln, ohne uns zu fragen, denken wir zuweilen, sie seien Rebellen, und wie Josua wollen auch wir ihnen wehren.

Sündigen wir nicht auf diese Weise, sondern verstehen wir, dass Gott sie uns gesandt hat, uns zu helfen und unsere Selbstlosigkeit und Demut zu prüfen.

Vergessen

"Ich habe ganz vergessen, dass gestern Karfreitag war", sagte mir ein junger Mann am Ostersonnabend.

Er hatte den Karfreitag ganz vergessen, andere vergessen ihn halb. Wer von uns vergass nicht schon oft - für Stunden, für Tage - was Christus für uns tat am Karfreitag auf Golgatha?

Dieses Vergessen begann bereits am ersten Karfreitag, in jener finsteren Stunde, da Jesus in Gethsemane rang und Seine Jünger schliefen. In jener Nacht bedurfte Er der Hilfe Seiner Jünger. Er hatte ihrer drei mit sich genommen, damit sie mit Ihm beten sollten; aber sie legten sich hin und schliefen ein:

"Und Er kam zu Seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach: Nicht eine Stunde könnt ihr mit mir wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt - der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach." (Matth. 26:40.)

Noch zweimal fand Er sie schlafend...

*

Und so schlafen auch wir, wenn wir wachen sollen . Wir vergessen. - Wir wollen zwar nicht vergessen, wir wollen nicht schlafen, wenn wir wachen sollen, aber wir tun es: der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach.

Wenn wir erwachen, empfinden wir die Schmach unserer Pflichtvergessenheit und möchten unseren Fehler wieder gutmachen und unsere Schuld vergeben sehn. Können wir es? Ja! Es gibt einen Weg der Wiedergutmachung, und unsere Schuld wird uns so vergeben wie wir vergeben unseren Schuldigern.

Was Jesus in jener Nacht gelitten hat, sehend, dass Seine Jünger nicht eine Stunde mit Ihm und für Ihn wachen und beten konnten, ahnen wir, wenn wir uns selbst von einem Freunde im Stich gelassen sehn.

Wir haben ihn, unseren Freund, unseren Bruder, wissen lassen, dass wir in grosser Not sind und seiner Hilfe bedürfen. Wir sagten ihm: "Wache!", er aber schlief ein. Wir baten ihn zu eilen, er aber ging überhaupt nicht oder gemächlich, und unseren Auftrag führte er entweder gar nicht aus oder nur halb oder verkehrt.

Nicht, dass er uns schaden wollte - er war ja unser Freund, er Bruder - er handelte nur töricht und energielos, er vergass, er schlief: Der, Geist war willig, aber das Fleisch war schwach.

Uns aber traf sein Versagen wie ein Dolchstoss ins Herz. Wie konnte er nur so fahrlässig handeln?! Wie konnte er nur schlafen.?! Wie konnte er nur vergessen?! Wie konnte....?!

Verbittert, voller Verachtung sprachen wir das Urteil über ihn: Schluss! Wir brauchen nicht solche Freunde! Hinaus! Und wir verstiessen ihn, unseren Freund und Bruder....

*

Schauen wir zurück nach Gethsemane: Die schlafenden, pflichtvergessenen Jünger waren keine anderen als Petrus, Jakobus und Johannes, die später Säulen der Gemeinde wurden. In jener unglücklichen Stunde aber hatten sie ihren Herrn vergessen. Sie hatten Jesus vergessen, aber Jesus vergass nicht sie ; Er verstiess sie nicht. Er sah in ihr Herz, Er sah, dass sie das Gute wollten und nur in der Unzulänglichkeit ihrer menschlichen Natur fehlten: Der Geist war willig, aber das Fleisch war schwach und der Satan mächtig...: "Simon, Simon, der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen; ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Wenn du einst zurückkehrst, so stärke deine Brüder!" (Luk. 22:31.)

Jesus verstiess nicht die Pflichtvergessenen, Er verstiess Petrus auch dann nicht, als dieser Ihn dreimal verriet, noch bevor der Hahn zweimal krähte. "Auch wenn wir untreu werden, Er bleibt treu, denn Er kann sich selbst nicht verleugnen." (2. Tim. 2:13.)

Und so wird Er auch uns nicht verstossen, selbst wenn wir den Karfreitag vergessen, aber Er erwartet von uns, dass wir gegenüber unseren Schuldigern ebenso handeln und Gnade vor Recht ergehen lassen. Richten wir nicht über jene, die uns vergassen . Wenden wir uns nicht von ihnen, verstossen wir sie nicht! Wenn sie schuldbeladen vor uns stehen, wollen wir uns selbst in ihnen erkennen . Auch wenn sie nichts sagen - nicht jeder findet das rechte Wort, nicht jeder kann den Mund auftun, wenn er sich schuldbeladen fühlt - erlassen wir ihnen das Wort, reichen wir ihnen die Hand, lächeln wir, wenn auch unter Tränen, und vergeben wir!

Steigen wir mit ihnen aus dem Grabe des Karfreitags empor, zum Licht, zur Freude, zum Frieden des Ostertages - als Auferstandene in Christus.

Oasen in der Wüste

Wozu Feste feiern? Ist nicht ein Tag wie der andere und eine Nacht wie die andere? Wozu Gedenktage und wozu Sonntage? Jeder Tag der Woche soll uns heilig sein! - So denkt mancher Christ. Es gibt auch Gemeinschaften mit dieser Einstellung. Sie meinen es gut, und ihr Ziel ist hoch, indessen, sie rechnen nicht mit den Gegebenheiten der menschlichen Natur und bringen sich und andere um einen grossen Segen.

Jeder Tag der Woche soll uns heilig sein, nicht nur der Sonntag. Ja, er soll - aber ist er es? Wir sollen alle vollkommen sein, aber sind wir es? Die Zeit wird kommen, wenn die Menschen nicht nur des Sonntages, sondern auch der Sonne selbst entbehren können, weil Gottes Herrlichkeit ihnen leuchten wird, und wenn sie auch keines Tempels mehr bedürfen, weil Gott selbst ihr Tempel sein wird. (Offb. Joh. 21, 22. 23.) Aber das wird erst am Ende einer materiellen Entwicklung sein, wenn neue Natur- und Schicksalsgesetze, ein neuer Himmel und eine neue Erde in Erscheinung treten und keine Not und kein Tod mehr sein werden. (Offb. Joh. 21,1-5.)

Heute aber sind noch Not und Tod, Sünde und Finsternis unter uns. Heute sind wir noch in den Banden der Materie., und wenn auch unser Geist willig ist, das Fleisch ist schwach und zieht uns immer und immer wieder hinab in den Staub und in den Schmutz, und wir bedürfen immer und immer wieder der Erinnerung und Erhebung.

*

Auf allen Feier- und Gedenktagen, seien sie von Gott oder von Menschen eingesetzt, ruht ein tiefer Segen, so sie im Geiste Christi begangen werden. Sie sind Haltestellen auf unserer Lebenswanderung, Oasen in der Wüste.

Wir müssen unterscheiden zwischen Licht und Finsternis, wenn wir nicht in der Finsternis untergehen wollen. Und wir müssen unterscheiden zwischen Sabbat und Werktag, wenn wir nicht im Werktag verkommen wollen.

Gewiss, auch der Werktag muss geheiligt werden, aber dies ist nur dann möglich, wenn der Sabbat, der Sonntag begangen wird; denn vom Feiertag geht der Segensstrom aus, der die anderen Tage ergreift und auch sie auf eine höhere geistige Ebene hebt. Der Sabbat, der Sonntag und alle Feiertage" sind Quellen der Ewigkeit, Wasser des Lebens in Raum und Zeit.

*

Unsere Zeit ist so arm geworden, arm an Geist und Würde und Feierlichkeit; stumpf, blind und taub gegen Bilder und Klänge des Erhabenen. Wie hässlich ist die moderne Kunst - als Spiegel der Zeit. So gewaltig manche ihrer Werke sind, sie sind es nur im äusseren Aufbau: Riesen ohne Seele, Wolkenkratzer und doch himmelsfern, babylonische Türme, aber keine Tempel Gottes, keine Stätten des Friedens, der Erhebung, der Erbauung, der Erlösung. Werktag in der Kunst und im Leben. Die Menschen haben den Sabbat verloren, den Feiertag, die Feierlichkeit, das Erhabene; sie haben Gott verloren, den Geist, die Ewigkeit.

Kehren wir zurück zu den Quellen der Ewigkeit. Trinken wir von den Wassern des Lebens. Ruhen wir am siebenten Tage, von der Not und von den Mühen des Werktages. Ruhen wir in der Freude der Gotteskindschaft, in der Würde des Menschentums, im Frieden unserer Seele und in der Feierlichkeit des Geistes.

Vom Erfolg

Die grösste Gefahr für unsere Arbeit ist das Ausschauen nach dem Erfolg, der Gedanke, dass wir Erfolg haben müssen. Die Frage nach dem Erfolg darf nicht gestellt werden. Der Erfolg gehört nicht in den Bereich unserer Verantwortung.

Haben wir Erfolg, so ist der Erfolg Gottes und nicht unser. Erleiden wir eine Niederlage, so ist auch die Niederlage Gottes und nicht unser. Denn Erfolg oder Niederlage - beides kann nur mit Seinem Willen kommen. Seine Allmacht kann jeden Sieg herbeiführen. Wenn wir in Seinem Dienste Niederlagen erleiden, ist es nur, weil Er sie zugelassen hat.

Aus Gründen der Barmherzigkeit und Langmut schenkt Gott Seinen Feinden Siege, Erfolg, Gedeihen - damit sie immer wieder Zeit und Gelegenheit zur Bekehrung finden. Gott lässt auch das Unkraut auf dem Felde wachsen bis zur Ernte. Dann erst sagt Er: "Sammelt das Unkraut und bindet es in Bündel, dass man es verbrenne, aber den Weizen sammelt in meine Scheuer." (Matthäus 13, 30.)

Gott ist gnädig und gerecht. In dieser gnädigen Gerechtigkeit gibt Er Seinen Feinden Siege und Seinen Freunden Niederlagen. Niederlagen aber prüfen unsere Treue , unseren Glauben. Zürnen wir Gott, wenn Er uns nicht hilft? Wenden wir uns von Ihm, wenn wir verlieren?

Nehmen wir jede Niederlage aus Gottes Hand und sagen wir: "Dein Wille geschehe und nicht unser!" (Luk. 22, 42.) "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gepriesen!" (Hiob 1, 21.)

Das, was wir zu fragen und täglich zu prüfen haben, ist nur, ob wir treu waren und richtig, d.h. im Willen Gottes handelten oder unsere eigenen Wege gingen. Wir fragen nach der A r b e i t, die wir zu leisten haben, nach der Aufgabe und nicht nach dem Ergebnis, nicht nach dem Erfolg.

Das Ergebnis, den Erfolg werden wir sehen - aber nicht heute und nicht morgen, sondern erst in der Ewigkeit. Jedes Stück und Stückchen unserer Mühe und Arbeit, unserer Liebe und Hingabe wird von Gottes Engeln zusammengetragen und eingesetzt in das undenkbar, unvorstellbar grosse und herrliche Christus-Werk der Welterlösung und nichts, auch nicht das kleinste und geringste, kann und wird verloren gehen. Jedes Steinchen, das wir heute meisseln, werden wir wiederfinden - sinnvoll ins Ganze gesetzt und zum Segen für die, die nach uns kommen - übers Jahr, über Jahrhunderte oder Jahrtausende.

Wir, die wir Gott dienen und Seine Aufträge ausführen, arbeiten nie vergeblich . Jedes Saatkörnchen, das Gottes Säeleute streuen, geht auf; denn es ist Saat der Allmacht und Ewigkeit . Gott lässt Seine Saatkörner nicht vergehen, aber sie müssen sterben, bevor sie Frucht tragen , wie geschrieben steht: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht" (Joh. 12, 24.)

Erst wenn unser Ich, unser Eigenwille stirbt und wir nicht mehr nach dem Erfolg unserer Mühe, nach dem Lohn unserer Arbeit fragen, werden wir den Erfolg sehen.

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Teil 1 als PDF-Dokument: siehe unten.


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1. Teil: Vom Frieden der Seele
2. Teil: Zahlen und Zeiten
3. Teil: Plangemäss (Predigtgedanken)
4. Teil: Kriegsweihnachten


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