Jan 20, 2020

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Agnes Waldstein

Orientierungsplan

Die biblischen und die christlichen Feste

Wir beginnen heute eine Artikelserie über die biblischen und die christlichen Feste. Veranlassung dazu gibt uns die Sinnentleerung der christlichen Feste, in die auf breiter Front die Welt, ja der Satan eingebrochen sind. Uns, die wir nicht nur auf das Kommen des Reiches Gottes warten, sondern es heute schon in unsern Herzen tragen, tut gerade deshalb Besinnung not. Es wird uns deutlich werden, dass die alttestamentlichen Feste keineswegs als "Gesetz des Alten Bundes aufgehoben" sind, sondern dass gerade die christlichen Feste erst und nur im Zusammenhang mit den jüdischen ihre volle Sinngebung und Entfaltung finden können.

(Einleitung in JCG Nr. 231 März 1956; die Artikelserie dieses Separatdrucks (ohne Datum) wurde ursprünglich in den folgenden JCG Nummern von 1956 veröffentlicht: April, Mai, Sept., Nov. und März 1957)

I. Der wöchentliche Ruhetag

Der Sabbat

Das Wort "Sabbat" stammt von einer hebräischen Sprachwurzel, die mehr noch als "ruhen" den Sinn von "aufhören" hat - nämlich aufhören zu arbeiten. Wenn 1. Mose 2,2 berichtet wird, dass Gott am siebenten Tag ruhte und ihn heiligte (= beiseite setzte), dann heißt es damit zugleich, dass Er ihn segnete und damit Sein Werk vollendete, die Feier der Schöpfung beging. Das ist der Grundakkord, den die Bibel mit dem Wort Sabbat anschlägt: Beiseite setzen - Aufhören der Arbeit - Feier - Segen.

Den Kindern Israel wird diese Bedeutung des siebenten Tages schon vor der Offenbarung am Sinai deutlich gemacht. Die Gabe des Manna in der Wüste, durch das Gott das Volk am Leben erhielt, war nicht nur ein Wunder, sondern auch eine große Lehre. Denn Manna fiel an sechs Tagen, aber nicht am siebenten Tag. Am sechsten Tag jedoch fiel es in doppelter Menge, mit ausreichend für den siebenten Tag; und während es an allen anderen Tagen nicht über Nacht aufbewahrt werden konnte, ohne ungenießbar zu werden, blieb das Manna des sechsten Tages auch noch am siebenten Tag eßbar (2. Mose 16). "Seht, der Herr hat euch den Ruhetag gegeben", erklärte Mose dem Volk.

Durch solch einen Anschauungsunterricht belehrt, empfing dann Israel das Gebot des Ruhetags im Zehnwort am Sinai, wobei ausdrücklich gesagt wurde, dass der Ruhetag keine Angelegenheit einer bevorzugten Schicht sei, sondern dass alle - bis hin zu den Sklaven, den Fremden und den Haustieren - daran teilhaben müssen.

Lernen des Gottesgebots

Da nun damals das Halten der Ordnungen des Herrn wirklich gelernt werden musste - in der Vorausschau Gottes, dass Jahrtausende später auch andere Völker sie annehmen würden - so wurde den Verächtern des Feiertagsgebots schwere Strafe, sogar die Todesstrafe (2. Mose 31,13.14) angedroht. Der Präzedenzfall eines Mannes, der am Sabbat Holz sammelte, wird in 4. Mose 15,32-41 erzählt. "Das Gesetz ist ein Schulmeister zu Christus hin" (Gal. 3,24).

So wird den Menschen deutlich gemacht, dass das Halten des Ruhetags nicht nur Liebe zu Gott (um Ihn anzubeten), sondern ebenso sehr Nächstenliebe ist, wie es in der schönen Formulierung in 2. Mose 23,12 am deutlichsten ausgedrückt ist: "Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun, am siebenten Tag aber sollst du feiern, damit dein Rind und dein Esel ruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremdling aufatmen können". Und in 5. Mose 5,12-15 wird Israel daran erinnert, dass es ja aus seinen ägyptischen Erfahrungen weiß, wie es einem Sklaven ums Herz ist, und dass es am Sabbat sich auch an Gottes große Befreiungstat erinnern soll.

So klingt also auch im Sabbatgebot das doppelte "Grundgesetz" Gottes an: "Liebe den Herrn, deinen Gott, aus ganzem Herzen ... und liebe deinen Nächsten wie dich selbst", wie Christus es noch einmal zusammengefasst hat (Mark. 12,29-31).

Menschensatzung

Doch berichtet die Bibel nun weiter, was Israel aus diesem Sabbatgebot später gemacht hat. Die Propheten geißeln das rein äußerliche Halten des Ruhetages, an dem Versammlungen im Hause Gottes offenbar für die "wirtschaftlich Unabhängigen" gehalten werden, während im "Privatleben" das Arbeiten, Verdienen und damit die Beschäftigung und Unterdrückung abhängiger Menschen weitergeht. Sowohl Jesaja (Kap. 58,13.14), wie Jeremia (Kap. 17,21 ff) und Amos (Kap. 8,5) verheißen dem Volk Gottes Segen und Gnade, wenn es den Sabbat seinem wahren Geiste nach hält, und Verhängnis, ja die Zerstörung Jerusalems, wenn sie fortfahren, den Sabbat zu brechen. Das Gericht traf dann auch ein.

Nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft erzwingt Nehemia das Halten des Sabbats (Neh. 13). Die späteren Führer Israels verschärfen das Sabbatgebot noch und erlassen bis ins Einzelne gehende Vorschriften, was am Sabbat zu tun erlaubt sei und was verboten, ein großer Katalog von Einzelheiten.

Der aber führte wieder zu einer Sinnentstellung des Sabbat-Gebots, gegen die dann Christus protestierte durch die Heilungen, die Er am Sabbat vornahm. "Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, ein Menschenleben zu retten oder zu töten?" (Mark. 3,4). Jesus stellt den Vollsinn des Gebotes Gottes wieder her, als Er erklärte, dass "der Sabbat um des Menschen willen geschaffen worden sei und nicht der Mensch um des Sabbats willen" (Mark. 2,27), wie es schon Jesaja angedeutet hatte: "Du sollst den Sabbat eine Wonne nennen" (Kap. 58,13)

Im Jahre 321 n. Chr. verlegte die christliche Kirche den allgemeinen Ruhetag von Samstag auf Sonntag. Das geschah nicht nur auf Verlangen des Kaisers Konstantin und um der Erinnerung an den Auferstehungstag Christi willen, vielmehr wünschte die Kirche, sich mit dieser Verlegung vom Judentum endgültig loszusagen. So schied sie von ihrem Mutterboden und vergaß, dass "nicht sie die Wurzel, sondern die Wurzel sie trägt" (Röm. 11,18).

Die Folgen stellten sich im Laufe der Jahrhunderte ein, als Schritt für Schritt der Ruhetag verweltlichte. Schritt für Schritt wurde der sonntägliche Gottesdienst aus seiner Zentralstellung am Feiertag verdrängt und ist heute im allgemeinen Bewusstsein zur Nebensache geworden. Nur etwa 1% der Bevölkerung geht - gemäß Statistiken - heute noch regelmäßig zur Kirche oder andern gottesdienstlichen Versammlungen in den meisten protestantischen Gebieten.

Staatsgesetze

Zwar haben alle westlichen Staaten Gesetze erlassen, nach denen die Arbeit in Geschäften und gewerblichen Betrieben, ebenso in Schulen usw. am Sonntag ruht. Doch sind die heutigen Sonntage in Europa und Amerika mitnichten als Ruhetage zu bezeichnen, sondern als Unruhetage, an denen dem Bedürfnis nach Unterhaltung, Vergnügen, Ablenkung weitgehend Rechnung getragen wird. Die Unterhaltungs- und Vergnügungsindustrie, einschließlich des Sports, das Gastgewerbe und das öffentliche Transportwesen müssen in vielen Ländern am Sonntag besonders schwer arbeiten.

Die gesetzlichen Sicherungen, die den betroffenen Arbeitern dafür einen andern Ruhetag im Lauf der Woche geben, sind unzureichender Ersatz. Denn damit wird ja gerade das gemeinsame Feiern, auch in den Familien - wenn überhaupt noch von Feiern die Rede sein kann - unmöglich gemacht.

Selbst an der Gestaltung des gesetzlichen Ruhetags zeigt sich, dass ein Christentum, dem die Erlösung des Einzelnen das Wichtigste ist, keinen Einfluss auf das Gemeinwohl hat. Die Ablehnung des "Gesetzes" hat dazu geführt, dass es seit dem Mittelalter kein gemeinsames Feiern mehr gibt. Familienleben und Volkseinheit sind dadurch zerstört worden.

Israel

Demgegenüber steht das Halten des Ruhetages im heutigen, gleichfalls weltlichen Israel, von dem praktisch ausnahmslos alle Kreise der Bevölkerung erfasst werden. Vom Freitag nachmittag an steht der gesamte öffentliche Verkehr still. Kino, Theater, sowie fast alle Gaststätten sind bis Samstagabend geschlossen. Sport und Wandern, obwohl nicht verboten, spielen am Sabbat eine ganz untergeordnete Rolle. Auf dem Lande werden nur die unumgänglich notwendigen Arbeiten wie Viehfüttern ausgeführt - das ganze Volk feiert.

Eine stille, echte Freude, eine Atmosphäre des Gelöstseins, der Erlösung (als Vorahnung des Reiches Gottes) liegt über dem ganzen Land. "Der Sabbat macht alle reich und gleich, nicht erst der Tod."

Besonders unterstrichen werden muss die Tatsache, dass vor allem in Kreisen des religiösen Judentums gerade die Hausfrau, diese moderne Sklavin, deren Tätigkeit nie abreißt, am Sabbat ausruhen kann. Schon 2. Mose 16 ist Backen und Kochen am Sabbat verboten, und das gläubige Judentum hat dieses Gebot stets genau beachtet. Dafür hat es die Kochkiste erfunden, in der die am Freitag vorbereiteten Speisen Arbeit in der Küche am Sabbat unnötig machen.

Also auch die Hausfrau darf am Sabbat Mensch sein. Das bedeutet aber, dass sie wieder Mittelpunkt der Familie ist. Tatsächlich tritt in allen Kreisen in Israel das Familienleben am Sabbat wieder in sein Recht, so wie es schon in den Exilsjahrtausenden war. Das oft als vorbildlich gerühmte jüdische Familienleben ist gerade durch die volksweite Sabbatheiligung erhalten geblieben - der verheißene Segen Gottes.

Im Reich Gottes

All das geschieht heute in einem noch unerlösten Israel. Wie mag es da erst werden, wenn Christus wiederkehrt und als Messias und König Israels herrscht! "Ihre Annahme wird Leben aus den Toten sein!" (Röm. 11,15). Dann wird der Sabbat in seiner ganzen Fülle und Schönheit gehalten werden, die wir heute noch kaum ahnen.

Was aber noch mehr ist - auch die Völker werden dann den Ruhe- und Feiertag recht halten, seinen wahren Geist und seine wahre Bedeutung einsehen und pflegen. Dann erst wird man in Wirklichkeit die Frage der Gleichberechtigung und Gleichstellung aller Menschen gelöst haben, wenn alle zur gleichen Zeit der Ruhe pflegen dürfen, wenn die Atmosphäre des Friedens und der Freude, der wahren Entspannung bei allen Völkern einkehren wird. Was das für das Zusammenleben der Menschen bedeuten wird, kann man sich noch kaum vorstellen.

Vorbereitung

Heute aber müssen wir mit ansehen, wie der Satan alle Anstrengung macht, in Gottes Schöpfungswerk einzubrechen und wie es ihm vielfach gelungen ist, den Ruhetag, den Tag des Feierns zu zerstören. Wir können nicht erwarten, dass sich das in dem zu Ende gehenden Zeitalter noch ändern wird. Im Gegenteil, die Entwicklung der letzten Generation hat gezeigt, dass selbst in Ländern wie England, wo noch vor 25 Jahren ein gewisses Maß an wirklicher Sonntagsruhe geherrscht hat, diese seit dem Ende des letzten Krieges zerstört worden ist. Noch hat der Fürst dieser Welt die Macht - auch über den wöchentlichen Feiertag, damit Christus bei Seiner Wiederkehr alles neu mache.

Für die gläubigen Christen aber, die den Herrn erwarten, ergeben sich daraus manche Folgerungen. Wenn sie als Beweis ihrer Hoffnung auf das Kommen des Herrn heute schon das Reich Gottes im Herzen tragen und durch ihr Leben von ihm Zeugnis geben wollen, so schließt das auch ihre Einstellung zum Ruhetag ein. In den Endwirren dieser Zeit handelt es sich in erster Linie nicht darum, wieder den siebenten Tag anstelle des ersten Tages der Woche als Feiertag einzuführen - das wird der Herr regeln, wenn Er kommt - sondern im eigenen Leben den von Gott gewollten Geist des siebenten Tages zu verwirklichen.

Tag der freudigen Anbetung und der erstarkenden Hoffnung wird er dann sein; denn der Sabbat war von jeher auch ein Symbol der Gottesherrschaft über die Erde. Tag der Familie und der Gemeinschaft wird er uns wieder werden und ebenso in Kraft bleiben als Tag der Nächstenliebe. Das heißt, an diesem Tag Liebe üben, Gutes tun, den Nächsten beglücken, die Atmosphäre des Friedens erhalten, so wie Christus es gezeigt hat.

Dagegen werden wir an diesem Tag keine Dienstleistung von irgend jemand annehmen, der dann um unseretwillen arbeiten muss. So weit es an uns liegt, soll jeder Mensch vollständig zum Ausruhen kommen. Das wird sich heute freilich nur in einem ganz engen Kreis erreichen lassen. Aber es handelt sich zunächst auch nur um ein Zeugnis, das nicht im Geist der Gesetzlichkeit gegeben wird, sondern in Heiterkeit und Freude, in Liebe - als Zeugnis des kommenden Herrn und "der Sabbatruhe, die dem Volke Gottes dann noch übrig bleibt" (Hebr. 4,9).


Der vollständige Artikel ist hier herunterladbar (20 Seiten)


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